Tagebuch eines Körpers

Tagebuch eines Körpers

Stellen wir uns vor, der Körper wäre Sitz unseres Bewusstsein und der Körper „hätte“ praktisch einen Mensch, dann sähe sein Tag so aus:

 
Kaum erwacht wurde ich schon mit einer Groll- Wolke überzogen: schlecht geschlafen! Zu lang, zu tief, zu kurz, zu unbequem. Dabei hatte sich mein Mensch kurz vorm Schlafen noch eine Flasche Wein reingepfiffen, anschliessend hat er zwei Stunden lang Unverarbeitetes hochgegrübelt. Ich konnte quasi nicht anders als jede Menge ADRENALIN ausstossen, da schläft man eben schlecht. Dann hat er sich ins Bad geschleppt….da kriegte ich dann wieder eine drüber: Man, siehst Du scheiße aus und die Haare erst. Leider ist mein Mensch Nordeuropäer, wäre er zum Beispiel Inder würde er mir im Bad Zeit geben, bis alle Ausscheidungen getätig sind, so allerdings wird das auf später verschoben. Keine Ahnung wann, wahrscheinlich Flughafenklo….grusel.
 
Aber jetzt kommt erst einmal Freude auf, mein Mensch liebt, schwarzen, heissen, starken Kaffee, ich kann seine Vorfreude richtig spüren, dann geht das auch für mich voll in Ordnung. Schlimm war es, als er seine Kräuterteephase hatte, er hat sich so den schwarzen Kaffee abgerungen, daß ich total sauer wurde.
 
 Heute steht Arzt auf dem Programm, mein Mensch will nämlich was über mich wissen. Mich bedrückt, daß er mich nicht mal selber fragt, statt dessen werde ich gewogen, gemessen, geröngt, Blutdruck, Blutzucker, Tumormarker und sonstewas. Der Arzt würdigt mich ebenfalls keines Blickes, guckt nur in etwas, was Akte heisst. Ich versuche mich mal bemerktbar zu machen, schliesslich WEISS ich doch genauestens BESCHEID. Zucke mal bisschen nervös an der Schläfe, Herzrasen, restless leg. Nee, unterhalb der Wahrnehmungsschwelle meines Menschen. Ich produziere links mal schrillen Pfeiffton. Mein Mensch denkt: Jetzt auch noch Tinnitus, fehlt mir noch. Tinnitus, kenne ich garnicht, denke ich, aber kann ich machen, wenn er ihm fehlt. 
 
Sie müssen wissen, ICH LIEBE MEINEN MENSCHEN, ich habe doch nur den einen. Ich tue ALLES für ihn, er muss mir nur sagen, was genau er will. Ich folge ihm bedingungslos. Andersherum spüre ich seitens meines Menschen keine bedingungslose Liebe, eigentlich eher dauernde Vorwürfe, was nicht stimmt und was anders sein sollte. Komme manchmal ehrlich gesagt kaum nach, dann geht mir echt die Puste aus und ja…..wenn die ganzen Missverständnisse nicht wären. Mein Mensch denkt zum Beispiel sehr gerne über Krankheiten nach, liest und informiert sich viel, im Apothekenschaufenster guckt er sich die Augen aus. Dann fummelt er an mir rum und sucht erste Anzeichen für dieses und jenes, ich bin da echt unsicher, ist das Vorfreude oder wie soll ich das verstehen? Den Arzt fragt er auch pausenlos nach Dingen, die ich garnicht auf dem Plan habe. Aber mal ehrlich, was tut man nicht alles für seinen Menschen…..soll er doch bekommen, was ihn so interessiert. ICH LIEBE IHN EBEN.